Der Neuanfang nach einer Krise
Der Neuanfang erfolgt meistens nach einer Krise.
Wenn wir in einer Krise stecken, dann ist nichts mehr wie vorher und wir müssen Entscheidungen treffen, wie es weiter gehen soll.
Dabei gibt es zwei Typen von Krisen:
Veränderungskrisen
Sie gehören zum Leben dazu wie zum Beispiel die Pubertät, der Auszug aus dem Elternhaus, Beginn der eigenen Elternschaft, Midlifekrise, Reifekrise und Alterskrise.
Wir bleiben nicht, wie wir sind im Laufe unseres Lebens und Veränderungen müssen verarbeitet und angepasst werden.
Jeder durchlebt diese Krisen, doch trotzdem können sie im Einzelfall eine große Last auslösen und brauchen Unterstützung von außen.
Traumatische Krisen
Das sind die Krisen, vor denen wir die meiste Angst haben, weil wir sie weder vorhersehen noch kontrollieren können.
sie entstehen durch plötzliche, unvorhersehbare Ereignisse: Tod eines nahestehenden Menschen, Unfall, Diagnose einer schweren Krankheit, Trennung, Jobverlust, Gewalterfahrung.
Was sagt die Psychologie über die Bewältigung von Krisen?
Das Krisenmodell nach Caplan
Der Psychiater Gerald Caplan, einer der Begründer der modernen Krisentheorie, beschrieb vier Phasen, die Menschen typischerweise durchlaufen:
- Anfängliche Anspannung – die gewohnten Problemlösestrategien werden aktiviert, greifen aber nicht.
- Weiterer Anstieg der Anspannung – Unfähigkeit, Struktur zu finden, wachsende Verwirrung und Hilflosigkeit.
- Aktivierung neuer, ungewohnter Ressourcen – das Individuum probiert neue Wege, auch solche, die es vorher nie in Betracht gezogen hätte.
- Entweder Lösung (durch neue Bewältigungsstrategien) oder Dekompensation – wenn keine Lösung gelingt, kann die Krise in eine psychische Störung übergehen (z. B. Depression, Angststörung).
Die Lösung sollte uns einen Neuanfang in unserer Situation bringen.
Gelingt das nicht, heißt das nicht, dass das das Ende der Fahnenstange ist. Auch nach einer psychischen Störung geht das Leben weiter und durch eine geeignete Therapie ist Genesung und Rehabilitation möglich.
Es gibt viele Ansätze, wie man eine Krise überwindet. Auf jeden Fall sollte man nicht in der Opferrolle verharren, sondern aktiv mit seinem sozialen Umfeld mitarbeiten und auf kognitiver Ebene herausfinden, was trotz Trauma und Dekompensation noch möglich ist.
Am besten gefällt mir der Ansatz von Viktor Frankl, dem Begründer der Logotherapie:
Frankls zentrale These lautet: Der Mensch wird nicht in erster Linie durch das Streben nach Glück oder Vermeidung von Leid angetrieben, sondern durch den „Willen zum Sinn" (im Gegensatz zu Freuds „Willen zur Lust" oder Adlers „Willen zur Macht"). Dieser Sinn kann und muss sich gerade in Krisensituationen bewähren – wo er scheinbar am wenigsten zu finden ist.
Ein Kernsatz Frankls, oft zitiert:
„Dem Menschen kann alles genommen werden, nur eines nicht: die letzte der menschlichen Freiheiten – sich unter jedweden Umständen zu entscheiden, wie man dazu steht."
Damit meint er: Auch wenn äußere Umstände (Gefangenschaft, Krankheit, Verlust) völlig außerhalb der Kontrolle liegen, bleibt dem Menschen die innere Freiheit, seine Haltung dazu zu wählen. Diese Haltung – nicht die äußere Situation selbst – entscheidet über das seelische Überleben.
Frankl beschreibt drei Möglichkeiten, wie ein Mensch Sinn findet, auch und gerade unter widrigen Bedingungen:
- Durch schöpferisches Handeln – etwas erschaffen oder eine Leistung vollbringen.
- Durch Erleben – etwas oder jemanden erfahren, z. B. die Natur, Kunst, oder die Liebe zu einem anderen Menschen.
- Durch die Haltung, die man zu unvermeidbarem Leid einnimmt – dies ist der entscheidende Punkt für Krisen, die man nicht abwenden kann. Frankl nennt dies auch die Möglichkeit, aus Leid einen "Sinn" im Sinne einer inneren Leistung zu ziehen.
Aus Frankls Sicht besteht die zentrale Aufgabe in einer Krise nicht darin, sofort eine Lösung oder ein Ende des Leids zu finden, sondern die Frage zu stellen: „Was verlangt das Leben jetzt von mir?" Er kehrt damit die übliche Frage um – nicht "Was erwarte ich vom Leben?", sondern "Was erwartet das Leben von mir?" In dieser Haltung liegt für Frankl der Schlüssel, auch in ausweglos erscheinenden Situationen nicht zu zerbrechen.
So möchte ich dich, lieber Leser dazu einladen, herauszufinden, was für dich gerade möglich ist und wie du in der Situation, in der du gerade steckst, sei es Tod, Scheidung, Krankheit oder was auch immer einen Sinn und einen Neuanfang suchen kannst.
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